Bandscheibenvorfall

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Arzt erklärt Patienten Bandscheibenvorfall Bandscheibenvorfälle sind für viele Menschen ein rotes Tuch: So etwas will man auf gar keinen Fall haben, mit Bandscheibenvorfällen verbindet man schließlich fürchterliche Rückenschmerzen und die sind hierzulande bekanntlich Volksleiden Nummer Eins.

Wer hierzulande in unserer allseits informierten Gesellschaft Rückenschmerzen bekommt, hat somit als erstes einmal Angst vor einem Bandscheibenvorfall. Die Angst führt zu Verspannung, Verspannung führt wiederum zu Schmerz – Willkommen im Teufelskreis der chronischen Rückenschmerzen!
Fakt ist derweil: Nur etwa 5 bis 10 Prozent aller Rückenschmerzen haben wirklich etwas mit den Bandscheiben zu tun. Gleichzeitig finden Orthopäden auf ihren Röntgen- und MRT-Bildern regelmäßig desaströse Befunde vor – während die zugehörigen Patienten dabei überhaupt keine Beschwerden haben.

Schätzungen besagen: Würde man allen 30- bis 40-Jährigen dieses Landes heute ein MRT der Wirbelsäule anfertigen, so würde man in 50% der Fälle asymptomatische Bandscheibenvorfälle finden.
Die Dunkelziffer ist also enorm hoch. Gefühl und Realität liegen in der Medizin selten soweit auseinander wie an der Wirbelsäule des zivilisierten Menschen. Zeit für ein bisschen Licht im Dunkel.

Was ist überhaupt ein Bandscheibenvorfall?

Kurz erklärt besteht die Wirbelsäule aus vielen Wirbelkörpern, welche untereinander jeweils geringfügig beweglich sind und somit die Beugung und Bewegung des Rumpfes ermöglichen.
Gepuffert werden diese Wirbel durch jeweils zwischen ihnen liegende Bandscheiben. Man kann sie sich in etwa wie eine Gummischeibe mit weichem, flutschigen Kern vorstellen: Außen liegt der recht stabile Anulus fibrosus, in der Mitte der Bandscheibe schwimmt ein etwas elastischerer Nucleus pulposus.

Die Bandscheiben sind also weich und enthalten dazu jede Menge Flüssigkeit. Im Laufe des Tages werden sie durch die Belastung des aufrechten Stehens und Ganges regelrecht ausgedrückt und so sind wir als Menschen abends auch mal 1-2 cm kleiner als frühmorgens, wenn die Bandscheibe sich im Schlaf regeneriert hat.
Die Rolle der mechanischen Belastung wird an diesem interessanten „Fun Fact“ bereits deutlich: Die Schwerkraft wirkt auf die Bandscheiben, umso mehr, wenn Übergewicht ihr noch den letzten Rest gibt.
Häufige Ursachen für Bandscheibenvorfälle sind auch Fehlbelastungen und Haltungsschwäche mit Wirbelsäulenfehlstellungen.

Die Wirbelsäule ist nämlich so aufgebaut, dass sie sich am Hals leicht nach vorn wölbt, an der Brust einen Bogen nach hinten macht und in der Lendenwirbelsäule wiederum nach vorn kommt. So ist sie schön elastisch und für den aufrechten Gang optimal gefedert. Auch die Bandscheiben sind dieser Entwicklung der Natur angepasst.

Hat man nun ein Hohlkreuz („Hyperlordose“), einen übermäßigen Buckel („Hyperkyphose“) oder eine komplette Verdrehung und Verwringung der Wirbelsäule (Skoliose), so bringt dies die gesamte Statik aus dem Gleichgewicht und einzelne Bandscheiben werden ungleichmäßig belastet.
Im Falle der Fehlhaltung mit „Katzenbuckel“ würde zum Beispiel der vordere Abschnitt einer Bandscheibe viel mehr Druck aushalten müssen als der hintere. Die Bandscheibe wird dadurch nach hinten gedrückt. Irgendwann im Laufe der Zeit wird der Anulus fibrosus am Hinterende durch den Dauerdruck so schwach, dass er einreißt und der zähe Nucleus pulposus durch die Lücke im Knorpelring austreten kann.

Manchmal passiert dies plötzlich bei falschem Heben schwerer Gegenstände oder unbedachten Bewegungen, genau so gut kann es unbemerkt durch dauerhafte Schädigung entstehen.
Wenn dieses Stück Kern einer Bandscheibe also aus dem dafür vorgesehenen Fach herausgepresst wird und in den Wirbelkanal „vorfällt“, spricht man von einem Bandscheibenvorfall.

Bandscheibenvorfälle haben ihre Lieblingsstellen

Im Prinzip können Bandscheibenvorfälle an der gesamten Wirbelsäule auftreten. Bevorzugte Stelle ist allerdings die Lendenwirbelsäule, da diese unterhalb der durch Rippen stabilisierten Brustwirbelsäule recht ungeschützt liegt und einen großen Bewegungsspielraum auf relativ engem Raum ermöglichen muss.

Besonders die unteren Segmente L4/L5 und L5/S1 sind gefährdet. Um diese medizinischen Abkürzungen zu verstehen, muss man wissen, dass das L für „lumbal“ (also die Lendenwirbelsäule, LWS, betreffend) und das S für „sakral“ (am Kreuzbein gelegen) steht.

Es gibt 5 Lendenwirbel und meist 5 miteinander zum Kreuzbein verwachsene Wirbel, sodass der Bandscheibenvorfall zwischen L4 und L5 also ein direkter Nachbar des Bandscheibenvorfalls zwischen L5 und S1 ist und beide am unteren Ende der Wirbelsäule, direkt über dem Kreuzbein, liegen.
Am zweit häufigsten treten Bandscheibenvorfälle dann in der Halswirbelsäule (HWS, zervikal) auf, da diese zwar nur noch wenig Gewicht trägt, dabei aber auch wiederum sehr beweglich ist. In der Brustwirbelsäule (BWS, thorakal) kommt es nur selten zu Vorfällen. Das Verhältnis zwischen Vorfällen lumbal:zervikal:thorakal liegt bei etwa 100:10:1.

Wo ist denn nun überhaupt das Problem?

Die Frage ist berechtigt, denn bislang ging es nur um herausrutschende Gallertkerne aus ihren vorgesehenen Fächern und darum, dass dies irgendwie mit Rückenschmerzen zusammenhängen kann oder auch nicht.
Das Problem ist, einfach gesagt, wo die Bandscheibenkerne hinrutschen. Manchmal rutschen sie einfach nur mittig von vorne ein wenig in den Wirbelkanal hinein und stören dort überhaupt nicht. Die Natur mit ihrem Sinn für Perfektion lässt es natürlich auch hier nicht an Selbstheilungsmechanismen mangeln, sodass diese leichten Vorfälle jene sind, die meist unbemerkt bleiben und im Laufe von Wochen resorbiert werden und sich wieder in Luft auflösen.
Kurzer Exkurs an dieser Stelle: Würde man nun einem beschwerdefreien Menschen einfach mal ein Kernspintomogramm (MRT) der Wirbelsäule anfertigen, so könnte man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit irgendwo einen zufälligen Bandscheibenvorfall entdecken.

Erfährt der Betroffene dies nun auf diese Weise, so kann allein die Macht der Suggestion im einreden, dass er eigentlich Rückenschmerzen haben müsste, er verspannt unwillkürlich und bekommt so tatsächlich chronische Rückenschmerzen. Zwei Monate später wäre derselbe Befund vielleicht schon wieder resorbiert gewesen.

Rückenschmerzen haben fast immer auch eine psychische Komponente. Dies ist, neben den horrenden Kosten, der Grund, warum Ärzte mit der Bildgebung bei Rückenschmerzen sehr zurückhaltend sein sollten.
Zurück zum Problem des herausrutschenden Gallertkerns (Nucleus pulposus): Fällt dieser nicht nur ein wenig in den Wirbelkanal vor, sondern seitlich in den Bereich der austretenden Segmentnerven, so kann er die Nervenwurzel nämlich abdrücken und dadurch Schmerzen im Rücken und neurologische Schäden hervorrufen.

Zunächst fällt in der menschlichen Neurologie immer die Sensibilität aus, sodass Gefühlsstörungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen oder Taubheit der Haut auftreten können. Erst bei größerer Druckschädigung geht auch die Motorik in die Knie, Lähmungen sind die Folge.
Wo diese neurologischen Symptome auftreten, hängt von der Höhe des betroffenen Segmentes ab: Der häufigste Bandscheibenvorfall, der das Segment L4/L5 betrifft, würde den zwischen diesen beiden Lendenwirbelkörpern austretenden Nerven abklemmen, welcher sich dem Ischiasnerv anschließt und für die Versorgung von seitlichem Unterschenkel sowie Fußrücken zuständig ist.

Kribbeln oder ausstrahlende Schmerzen in diesem Bereich wären die Folge, später auch eine Lähmung des Fußhebermuskels. Bei zervikalen Bandscheibenvorfällen (also solchen der Halswirbelsäule) machen sich die Ausfallerscheinungen dementsprechend in Arm und Hand bemerkbar, da die am Hals austretenden Nerven für die obere Extremität zuständig sind.
Rückenschmerzen alleine reichen also bei Weitem nicht für die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls aus. Neurologische Ausfallerscheinungen in definierten segmentalen Versorgungsgebieten dagegen sind ein recht spezifisches Symptom eines Bandscheibenvorfalls und signalisieren Handlungsbedarf.

Was tun?

90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle heilen von allein beziehungsweise unter konservativer Therapie aus. Letztere umfasst Schmerztherapie einerseits, vor allem aber muskuläre Kräftigung (in Maßen!). Im Endeffekt gilt es, die Resorption des vorgefallenen Kerns durch den Körper und somit die Selbstheilung abzuwarten.
Es gibt jedoch auch Fälle mit dringendem Handlungsbedarf: Wenn sich die neurologischen Ausfälle in einem Bereich abspielen, in dem körperliche Funktionen auf dem Spiel stehen, so ist eine umgehende Operation angesagt. Der Ausfall der Blasen- oder Mastdarmfunktion ist so ein Fall, wie es bei großen Bandscheibenvorfällen in bestimmten Gebieten des Rückenmarks vorkommen kann.
Auch wenn die Motorik des Fußes ausfällt, sollte man über eine baldige Operation zumindest nachdenken, da manche Dinge auch nach endgültiger Resorption des Bandscheibenvorfalls nicht mehr rückgängig zu machen sind und dauerhafte Schäden bestehen bleiben können.
Starke Rückenschmerzen sind derweil eher eine relative Indikation für eine Operation. Das bedeutet, dass man sie erwägen kann, aber nicht absolut durchführen muss.
Zu bedenken ist, dass Bandscheibenoperationen zwar Linderung bringen können, jedoch bei Weitem nicht immer erfolgreich sind. Unzureichende Entfernung der Bandscheibe in unübersichtlichem (weil kleinem) Operationsgebiet, versehentliche Schädigung von Nervenbahnen durch den Operateur und langwierige Rückenschmerzen durch Operationsnarben sind Probleme, die manch Operierten lange Zeit beschäftigen können. Umfangreiche Informierung und gründliches Abwägen seien jedem Betroffenen ans Herz gelegt.

Wen trifft es und wie kann ich es verhindern?

Betroffen sind Männer mehr als Frauen, das mittlere Erkrankungsalter liegt um die 40 Jahre. Dennoch kann ein Bandscheibenvorfall grundsätzlich jeden treffen.

Die Bandscheiben werden bei uns allen im Laufe eines langen Lebens an Elastizität und Regenerationsfähigkeit verlieren, was zunächst einmal – in den jungen, aktiven Jahren – zu Vorfällen prädestiniert, in höherem Alter dann aber auch protektiv wirkt: Ist die Bandscheibe im Alter völlig „eingetrocknet“, so kann sie auch nicht mehr aus ihrem Fach herausrutschen.
Prädestiniert sind wir also im Prinzip alle. Dennoch gibt es einige Dinge, die man zur Vorbeugung tun kann.
Richtiges Heben ist ein Stichwort: Das Heben von Lasten aus dem gebeugten Rücken heraus stellt eine massive Belastung für die Bandscheiben dar und sollte unbedingt vermieden werden. In manchen Berufen, zum Beispiel im Rettungsdienst, ist dies manchmal schwierig, weswegen Bandscheibenvorfälle auch eine häufige Ursache für Berufsunfähigkeit sind.

Dennoch sollte man sich stets Mühe zu geben, beim Heben die Knie und Hüfte zu belasten und die Wirbelsäule gerade zu lassen.
Des Weiteren gilt es im Laufe eines langen Lebens unbedingt, Fehlhaltungen der Wirbelsäule zu vermeiden. Hier insbesondere fängt die Vorbeugung bereits im Kindes- und Jugendalter an. Fehlhaltungen schleichen sich früh ein, führen aber erst spät zu Problemen und sind dann oft nicht mehr zu beheben.
Eine regelmäßige Kräftigung des Rückens ist das Beste, was man gegen Bandscheibenvorfälle prophylaktisch tun kann. Das bedeutet nicht, dass man sich eine massive Muskulatur antrainieren muss – regelmäßiges Durchbewegen und Dehnen, mäßige Kräftigung und rückenschonendes Verhalten im Alltag sind im Prinzip alles, was man benötigt – und leider oft mehr, als in unserer zivilisierten Welt bei den meisten Menschen auf dem Tagesplan steht.
Nicht vergessen sollte man bei der Kräftigung übrigens die Bauchmuskulatur: Sie trägt als Gegenspieler der Rückenmuskeln ebenfalls zur Statik der Wirbelsäule bei und kann, wenn sie kräftig genug ist (ist sie bei den meisten von uns nicht…), ein Hohlkreuz mit Überlastung der Bandscheiben verhinden.

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